Sonntag, 27. Mai 2007
astorga
kurzform fuer heute:

es war heute wirklich saukalt!

staendig wechselnde wind- und wetterverhaeltnisse -->haeufiges wechseln der kleidung

zwei intensive gepraechsrunden mit nic. und tim (themen: glauben, lebensplanung, ehe,...)

aber auch viel gelacht

es fuehlt sich gut an in dieser etablierten gruppe zu wandern -->es gibt keine verpflichtungen...

morgen geht es in die berge!

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villar de manrife (26.05.07)
war gestern abend in der kathedralen-messe. sie war belanglos und hat mir rein gar nichts gegeben. lustig war lediglich als in eine ernste steife schweigeminute hinein lautstark ein handy "we are the champions" sang.

habe dann in einer netten bar mit den anderen zusammen lecker pilgermenu (tortilla mit gemuesesalsa - ungewoehnlich aber sehr lecker) gegessen. hatte dabei ein sehr intensives dreiergespraech mit chr. und nic. zum thema lebensplanungen, karriere, kinder,...

die anderen mussten dann schon um 21:30 uhr in ihren von nonnen gefuehrten konvent zurueck sein . ich habe mich noch etwas durch die strassen getrieben. bin kurz an einem fest (es war wohl eine wahlveranstaltung fuer einen kommenden buergermeisterkandidaten) mit live-musik auf grosser buehne haengengeblieben. hinterher habe ich noch die unvergleichlich lebendig lebenslustige atmosphaere des leoner wochenend-nachtlebens im kneipenviertel rund um die kathedrale aufgesogen. bin einfach nur durch die strassen gelaufen und habe das bunte und laute treiben beobachtet. alle bars platzten aus allen naehten, die plaetze waren uebervoll mit gutgelaunten menschen. verlockende gerueche, wahnsinns-frauen,...wow! leon ist fuer mich die bisher schoenste stadt spaniens...

heute morgen warten die anderen schon in der cafeteria des hotels auf mich. wir laufen den zunaechst schmucklosen weg durch die urbanicazion leons. ueberraschung am rande: rentner-r. steht am rand und entledigt sich seiner jacke. ein kurzes lautes hallo. es geht ihm ganz gut. er ist aber alleine unterwegs. ich fuehle mch kurzzeitig schlecht, als ich mich mit tim wieder davon mache.

laufe dann das erte mal laengere zeit alleine mit tim. habe das gefuehl, dass er sich nach anfaenglicher zurueckhaltung mir jetzt auch oeffnet. seine unnahbarkeit wirkte am anfang etwas ueberheblich, war aber doch nur eine maske, um seine unsicherheit zu ueberspielen. es geht mal wieder um glauben. der ganz und gar kopfgesteuerte tim braucht keinen glauben. wir ziehen kurzes zwischenfazit: was nehmen wir mit vom weg? wir sind uns einig, dass wir sehr an flexibilitaet, spontanitaet und kommunikation gearbeitet haben. ebenso moechten wir uns die offenheit mit ins "normale leben" retten...

als wir die alberue erreichen sind wir erstmal platt. vor dem neuen haus stehen in einem netten vorgarten obi-gartenmarkt-relax-liegen. sie ist ausserdem nicht so voll gestellt. fuer die pilger wird ausserdem eine "paella vegetal" gekocht. was will das pilgerherz also mehr? der hospitalero ist fast schon aufdringlich zuvorkommend und nett. ich werde misstrauisch. als wir von unserem kurzen stadtrundgang zurueckkommen, liegt in einer relax-liege eine alte tuntige schwuchtel mit reichlich goldschmuck und gegerbter lederhaut. so ueberzeicnet, dass sie einem comic entsprungen sein koennte. das hat mich also gestoert...die albergue wird also von einem schwuchtelpaar gefuehrt. der eine hospitalero spielt den netten macho, der andere ist die tuntige koechin...naja, gezahlt ist gezahlt...

nichtsdestotrotz legen wir uns in die anderen liegen. in der knallheissen sonne kommt dann so etwas wie sommerurlaubsstimmung auf. interessant: die geraeuschkulisse an diesem samstag nachmittag koennte aus dem fraenkischen stammen. mit allerhand schweren geraet aus dem baumarkt wird der garten maltretiert. junge idioten fahren mit einem mofa ohne auspuff auf und ab. einige waschen wagen...kommt mir alles sehr bekannt vor und muss an einem samstag nachmittag wohl so sein...

die paella ist dann unerwartet lecker. lustig ist, dass tunti die teller mit einer piruettenartigen bewegung abraeumt...

danach gehen wir noch zu rosy in die bar. sie ist eine pilgerinstitution. voller stolz und mit leuchtenden augen praesentiert sie uns ihr gaestebuch. natuerlich muessen auch wir uns verewigen. wenn ihre fussballmannschaft ein tor schiesst (der fernseher laeuft wie in jeder bar hoellisch laut) packt sie schon mal die kuhglocke aus. sehr nett und liebevoll...das sind so die kleinen netten und wertvollen begegnungen...

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Freitag, 25. Mai 2007
leon II
waren gestern abend zu fuenft noch nett essen. wir hatten alle einen baerenhunger und wollten etwas vernuenftiges...wir sind deshalb zu einem italiener gegangen ;o). habe mich mit salat, pizza und tiramisu richtig satt gefuttert und reichlich wein und bier gesueffelt. die erhofften bewusstseinserweiternde wechselwirkungen mit den antibiotika blieben aber leider aus ;o) war dann um viertel vor zwoelf in meiner heia. so spaet war es bisher noch nie...

die anderen koennen sich auch noch nicht von der schoenheit leons loesen und bleiben alle doch noch eine weitere nacht. heute um 10:00 uhr treffen wir uns alle zum gemeinsamen fruehstueck im historischen cafe leon. es geht zu wie auf der bergkirchweih. andauernd kommen bekannte pilgergesichter vorbei und bleiben fuer einen kurzen plausch stehen...

nach dem fruehstueck muessen die anderen in der neuen albergue einchecken und ich gehe auf stadtbesichtungstour. leon war vor der vereinigung der beiden koenigreiche kastillien und leon die einflussreiche hauptstadt des koenigreichs asturien. es gibt heute aber nicht mehr wirklich viele augenscheinliche sehenswuerdigkeiten.



als da waeren: die beruehmte gotische kathedrale (sie soll die schoenste spaniens sein) mit ihren zahlreichen kunstvoll gestalteten glasfenstern, die basilika san isidoro mit dem pantheon real (der koenigsgruft mit deckenfresken), das casa de botines (ein von gaudi gestaltetes haus), den palacio de los guzman und ein zum noblen paradorhotel umfunktioniertes kloster. man ist in der tat schnell durch. am besten gefallen mir aber die monumentalen plaetze (wie z. b. der plaza mayor) und die vielen kleinen verwinkelten gaesschen. ich mag es sehr, wenn ich im vorbeigehen kleine einblicke auf spanisches leben und kultur erhaschen kann.



ich fotografiere reichlich und kaufe mir sogar im schlimmen touri-verarschungs-shop an der kathedrale ein schwarzes leon-t-shirt mit rotem loewen...leon ist wirklich eine tolle stadt mit ganz viel flair. schade, dass es morgen schon weiter geht. in voraussichtlich zwei tagen werde ich mit astorga alelrdings schon die naechste etwas groessere stadt erreichen.



um vier uhr bin ich wieder mit den anderen verabredet. wir treffen uns zum nachmittags-kaffee und anschliessendem abendessen. heute wird es nicht ausufern, da die anderen um spaetestens halb zehn in ihrem katholischen konvent zurueck sein muessen. ich habe einen netten jazz-club entdeckt. nach dem abendessen kann ich mir dort hoffentlich etwas live-musik anhoeren...

ich werde heute abend eine kurze gedenkminute fuer die gestern begonnene bergkirchweih einlegen und den spaniern "a moas geht nu, a moas geht nu nei" beibringen...

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Donnerstag, 24. Mai 2007
leon
wir sind heute gemeinsam um 6:30 richtung leon aufgebrochen. entgegen der schlimmen wettervorhersage des einheimischen wirts, nach der es vier tage am stueck aus allen eimern pissen soll, laechelt uns heute morgen die sonne an. unsere stimmung steigt...wir muessen zwar wieder lange an einer bundesstrasse entlang gehen, sind aber albern und uebermuetig und gruessen die entgegenkommenden brummi-fahrer mit astreinen fuenfer-la olas. tim ist heute voll in fahrt und albert viel herum. auch meine stimmung steigt durch die sonnenstrahlen weiter an...wir lassen uns viel zeit und machen auf den knapp 24 km dreimal kaffe-pause. es ist toll nach diesen schier endlos erscheinenden regentagen kurzbehost in der sonne cafe con leche zu trinken...ich werde zwei naechte in leon bleiben und mir ein hotelzimmer nehmen. die andern gehen in die albergue. fuer heute abend haben wir uns zu einem vorerst letzten gemeinsamen abendessen verabredet.



leon ist wunderschoen. auf den ersten blick vielleicht sogar noch schoener als pamplona. viele historische bauten und verwinkelte kleine gaesschen. die stadt atmet foermlich roemische und spanische geschichte. tolle plazas, von denen man am liebsten gar nicht mehr aufstehen moechte. hier lohnt sich das laenger bleiben. ich nehme mir in einem dreisternehotel (http://www.hotelparisleon.com) ein zimmer mit kathedralenblick fuer knapp 50 €/nacht. das ist teuer, bin ich mir aber wert ;o) die heisse dusche mit dem heftigem massagestrahl ist nach dem brausenmassaker in der albergue gestern eine echte aquawohltat fuer meinen schmerzenden ruecken...

mit hilfe meiner neuen bekannten (oder freunde?) habe ich scheinbar endgueltig die kurve wieder bekommen. ich freue mich auf meine naechsten tage in einer tollen stadt und bin sehr dankbar, dass ich das hier alles erleben darf...

... i get by with a little help from my friends...

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Mittwoch, 23. Mai 2007
reliegos


war gestern vier stunden im internetcafe, habe danach lange am plaza mayor in der sonne sitzend musik gehoert und einfach relaxed. die zeit verging schneller als gedacht...

als ich in die albergue zurueckkam wartete eine tolle ueberraschung auf mich. schon von weitem wurde ich mit lautem "maaaatthiiiiaaas" und heftigen winken empfangen. chr. (die mailaendische uebersetzerin historischer buecher, die ich in granon kennengelernt habe), nic. (die angehende lehrerin fuer bio aus einem kleinen kaff in thueringen) und tim (einem studenten fuer international business mit reichlich auslandserfahrung) sassen dort und sonnten sich. ich war froh, nach einigen tagen ohne richtige ansprache mal wieder jemand bekanntes zu sehen. wir haben dann zusammen eingekauft, gekocht und schliesslich mit 12 personen wie eine italienische grossfamilie gegessen. die pasta mit reichlich salat und wein war mein bisher bestes essen in spanien...es war fantastisch...eine unvergleichliche atmosphaere und wir haben in vier sprachen viel gelacht...

ausserdem habe ich tolle neue leute kennengelernt.
1.) sid., ein tuerke, der in holland lebt und dort gelbe seiten herausgibt. er hat im jahr sechs stressige und sechs flautige monate und kann so viel reisen.
2.) einen spanischen physio- und reikitherapeut aus barcelona , der aussieht wie tingle-tangle-bob
3.) einen patriotischen daniel-k.-lookalike-italienier...
4.) einen professionellen franzoesischen koch, dessen halber fuss eine infizierte blase war...

wir verabredeten uns fuer heute 7:00 uhr zum gemeinsamen abmarsch. leider troepfelt es schon wieder leicht und ist immer noch saukalt. wir stapfen heute 30 km durch unterschiedlich starken regen. die landschaft ist immer noch langweilig. der weg fuehrt ausschliesslich an einer wenig befahrenen landstarsse entlang. trotz dieser widrigen umstaende vergeht die zeit wie im flug, da ich viele gute zweiergespraeche fuehre.

mit nic. rede ich ueber ihre vorstellungen und ideale als lehrerin, deutsche schulsysteme, meine schulzeit, unbequeme menschen in elternabenden.

mit tim geht es ueber echte freundschaften.

sid. ist der erste muslime, den ich auf diesen weg treffe. jakobus wurde von den spaniern ja auch als der morto moro (der mauren- und somit auch muslimen-toeter) instrumentalisiert. es ist also nicht verwunderlich, dass es hier nicht allzu viele muslime gibt. mit ihm entsteht das intensivste gespraech am vormittag. bin sehr an dieser fuer uns so fremden religion interessiert. er beschreibt mir seine rituale. fuer ihn bedeuten seine fuenf gebete meditation. nach und nach merke ich, dass ich viele falsche vorstellungen und vorurteile besitze. vorurteile, die nach 9/11 von den medien weiter geschuert wurden...

am abend habe ich mit chr. noch ein intensives gespraech. es geht um darum wie schicksalsschlaege den glauben erschuettern oder staerken koennen. ihre mutter starb als sie 14 war. sie hat dann lange zeit mit gott gehadert, ist mittlerweile aber sehr glaeubig. anhand des beispiels eines toedlich verunglueckten arbeitskollegen wundern wir uns, wie unterschiedlich leid aufgeteilt ist und wo gott denn bitte da ist...

zwischen den einzelnen gespraechen habe ich immer wieder viertelstunden in denen ich alleine laufe, um das diskutierte setzen zu lassen.

an einer weggabelung komme ich ins gruebeln. da gibt es die wegalternative a. sie ist deutlich markiert und fuehrt durch trostlose landschaft an der starsse entlang. die wegalternative b ist genauso lang, aber wenig markiert. der fuehrer warnt hier vor verlaufen. sie enthaelt dafuer aber eine tolle landschaft, die man gesehen haben muss. ich entscheide mich fuer a und frage mich, ob ich in meinem leben immer auf nummer sicher gehe. riskiere ich zu wenig in meinem leben? entgeht mir deswegen etwas?

mir faellt ausserdem auf, dass ich - wenn ich in einer gruppe laufe - gerne der anfuehrer dieser gruppe bin. mir liegt es mehr, vorne weg in meinem tempo zu gehen und andere zu fuehren. ich mag es nicht, anderen nachzulaufen. bin ich also doch eine geborene fuehrungskraft?

kleiner brueller am rande: auf ein altes zerfallenes haus wurde in riesigen lettern "hijos de una puta 7 km" (hurensoehne 7km) und ein pfeil auf das nachbardorf zeigend gesprueht...

die kinnlade faellt mir dann runter als wir in der albergue ankommen. die dusche ist schlicht und ergreifend einfach unmenschlich eklig. und im schlafraum warten schon grinsens die grubenlampen-franzosen...

zum schluss noch mein ewiger mutmachsong...habe ich die letzten tage oft gehoert...und er hat mal wieder geholfen

When you try your best, but you don't succeed
When you get what you want, but not what you need
When you feel so tired, but you can't sleep
Stuck in reverse

When the tears come streaming down your face
When you lose something you can't replace
Could it be worse?

Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you

Tears stream down your face
When you lose something you cannot replace
Tears stream down your face

Lights will guide you home
And ignite your bones
And I will try to fix you

(coldplay - fix you, 2005)

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Dienstag, 22. Mai 2007
sahagun II
danke fuer die prompt zugerufenen guten wuensche. ich freue mich immer darueber, etwas von daheim zu lesen. kleine antwort fuer den externen kommentar: meines wissens haben eine vielzahl der albergues im winter mangels nachfrage geschlossen.



heute geht es mir schon wesentlich besser. ich habe von gestern 19:00 uhr bis heute um kurz nach 8:00 uhr (13 stunden!) geschlafen. war wohl wirklich mehr als notwendig. die zehe ist noch rot und dick, aber nicht mehr so schlimm wie gestern. die haut spannt nicht mehr so arg. beim laufen habe ich gar keine schmerzen mehr. ich nehme fleissig meine antibiotika wie von frau dr. natalie verordnet. ich denke, der camino wird mich morgen zurueck haben. bin ausserdem in mich gegangen. mein ehrgeiz verbietet mir den zug bis leon. ich muss die ganze strecke laufen...

es ist heute trocken und sonnig, aber saukalt und sehr windig. der tag heute wird sich ziehen. bin um kurz nach 9:00 uhr los und habe bereits alles sehenswerte gesehen. sahagun hat wirklich nicht viel zu bieten...

hab gerade noch die gutaussehende deutsche pilgerin (anfang 30) mit den kurzen leuchtend-roten haaren und der brille beim einkaufen getroffen. sie faellt mir schon seit einigen tagen auf. ich finde sie interessant und koennte mir vorstellen, dass wir uns einiges zu sagen haetten. keine angst: das "interessant" kommt vom kopf und nicht aus der lende. ich meine das nicht im sinne eines pilgerabenteuers! manchmal trifft man eben leute und spuert, dass man menschlich zusammen passt. bislang hatte sich keine passende gelegenheit fuer ein laengeres gespraech gegeben, da sie immer mit anderen unterwegs war und ich wesentlich schneller laufe. sie ist mir eigenartig vertraut. in ihren blicken meine ich auch eine gewisse neugier entdeckt zu haben. sie begruesst mich heute wie einen alten freund. tatsaechlich bin ich ihr auch schon aufgefallen. auch sie wuerde mich gerne naeher kennenlernen. leider aber sind wir jetzt erstmal durch meinen pausentag getrennt...

sitze jetzt im gemuetlichen "cafe zentral" am suessen kleinen "plaza mayor", bestelle einen cafe con leche nach dem anderen und vertroedele meine zeit im internet. die rechner sind uralt und haben brandloecher. im hintergurnd bringt ein radiosender lebenslustige und urlaubsstimmung verbreitende spanische popmusik mit reichlich "corazons" und "yo te quieros". ein paar einheimische twentysomethings sitzen spielend und chattend an den anderen kisten. die stunde internet kostet 2 euro. ich werde wohl noch etwas bleiben...

fuer den kleinen ort gibt es eine bemerkenswert hohe dichte von cafes und bars. auf der anderen seite aber auch kein wunder. die bars sind fuer die meisten das zweite wohnzimmer. hier spielt sich das gesamte soziale leben ab. man trifft sich hier den ganzen tag, um geraeuschvoll zu plauschen, gemeinsam fernsehen zu gucken, einen zu heben, einen snack zu nehmen,...eine ganz eigene schoene atmosphaere, wie ich sich sie aus deutschland nicht kenne...

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Montag, 21. Mai 2007
sahagun
mann, was fuer eine scheiss nacht. habe maximal eine stunde geschlafen. bin erst um 4:00 uhr eingeschlafen. im schlafraum herrschten gefuehlte 27 grad und 10 % restsauerstoff. hatte eine extrem durchhaengende matratze in einem freistehenden stockbett. hatte staendig angst rauszufallen und hab mich wegen klettereien im stockdunklem nicht pissen gehen trauen. ausserdem musste ich mal wieder extreme schnarch-, roechel-, hust- und kutzkonzerte ertragen. der spanier in dem bett unter mir hat staendig schreckliche chorizo-fuerze gelassen, die langsam und warm zu mir hochdampften. alle fuenf minuten ist jemand aufgestanden, um pissen zu gehen. wie soll man da schlafen? wurde dann um 5:00 uhr von einem froschfresser mit grubenlampe geweckt. der hat erstmal den ganzen raum ausgeleuchtet und damit alle anderen geweckt. als er sein zeug geraeuschvoll fertig gepackt hatte, hat er festgestellt, dass es draussen in stroemen regnet. also hat er sich wieder hingelegt, ist sofort eingeschlafen und hat auch gleich wieder geschnarcht. alle anderen waren dann wach. ich war ziehmlich angepisst und wuetend. hab mich dann um 6:15 uhr unausgeschlafen, ungefruehstueckt, frierend und mit kopfschmerzen auf den weg gemacht. ich habe mir geschworen, dass ich diese nacht meinen kopf auf ein hotelkopfkissen betten werde; ganz egal, was es kostet!

hab dann mein tagespensum von 24 km in 4 stunden durch die pfuetzen, lehm und an bundesstrassen entlang wuetend und uninspiriert runtergestampft. hab mir jetzt ein schnuckliges zimmer fuer 25 € in einer nagelneuen herberge in sahagun genommmen. wird von einer familie mit zwei megascharfen spanierinnen mitte 20 unterhalten. einiges ist noch improvisiert. so musste ich im familieneigenen bad duschen.



war jetzt gerade im "centro de salud" (gesundheitszentrum) bei einer jungen aerztin, die wie madame natalie lecard von der harald-schmitt-show aussah. hatte vor vier tagen in burgos naemlich einen kleinen unfall in flip flops, dem ich bisher keine beduetung beigemessen habe. bin mit meinem grosszeh aus unachtsamkeit mit voller wucht gegen einen ast gelaufen. hatte es bisher als kleine schmerzhafte stauchung mit winz-schuerfwunde abgetan. gestern nach dem laufen liess sich diese schuerfwunde aber wie ein pickel ausdruecken. und siehe da: mit dem eiter kam ein ca. 1 cm langer holzspreisel herausgespritzt. ich trug also ein kleines stueck holz drei tage in meinem zeh spazieren.

als ich vorhin aufgewacht bin, war mein zeh dann rot, geschwollen und heiss. das wir mir nicht geheuer. bin dann gleich zum arzt. eine "inflammacion de dedo grodo": eine entzuendung der linken grosszehe. die aerztin war ganz erstaunt, dass ich bei dem offenbar deutlichen befund kein fieber habe. hab jetzt antibiotika verschrieben bekommen, soll um die zwei tage ruhe geben und keine stiefel, sondern nur sandalen tragen. wenn es dann besser ist, soll ich es nicht gleich uebertreiben und vorerst unter 20 km bleiben.

hab mein zimmer bei den beiden rattenscharfen mujeres bereits um eine nacht verlaengert. ich haenge jetzt in dem 2500 seelen-nest fest, hab ausser meinen reisefuehrer nix zu lesen und kein fernsehen. habe schon mit dem gedanken gespielt, den zug nach leon zu nehmen. aber dann koennte ich nicht mehr sagen, dass ich den ganzen weg zu fuss gegangen bin. mein koerper wollte mir offenbar sagen, dass es wirklich hoechste zeit fuer eine laengere pause ist...ich werde meine fuesse auch wirklich stillhalten, da ich meinen weiteren weg nicht gefaehrden will. macht euch also keine sorgen - das wird schon wieder!

das wetter soll die naechsten tage naemlich zu allem ueberfluss auch noch scheisse werden. regen und um die 15 grad.

das ist mein bisheriger tiefpunkt!

aufmunternde anfeuernde hop-hop-hop-zurufe wie bei der tour de france oder beim skifahren waeren jetzt sehr hilfreich...

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Sonntag, 20. Mai 2007
calzadilla de la cueza
kann mir diesen verdammten ortsnamen nicht merken. gozilla de la cueva? cannellonni de la casa?

puh..das war harter stoff! hart, da unspektakulaere landschaft und vor allem nass! ja, ich gehoere jetzt auch zu den ponchotragenden pilgerwichteln. kam mir anfangs noch vor wie ein zwei-mann-zelt auf der flucht. wenigstens weiss ich jetzt, dass mein teurer und atmungsaktiver poncho nicht atmungsaktiv, aber einigermassen wasserdicht ist. ist aber wirklich ein act, bis man das ding ueber den rucksack streift. man braucht auf jeden fall eine dritte und vierte hand dazu. muss man das ding alleine und auf offener flur bei starkem wind anziehen, ist man verratzt!

hab gestern beim abendessen m., einem grazer brieftraeger mitte 40, kennengelernt. aufgrund unserer suedlichen herkunft ist das eis schnell gebrochen und ich helfe ihm beim leeren seiner rotweinflasche. hinterher sind wir noch auf zwei bier in die bar. ich muss wirklich weniger trinken! selten hab ich einen pilger getroffen, dem religioese und spirituelle motive so wurscht waren. m. will mit seiner freundin einfach mal richtig wandern gehen. am abend schreibt er kein tagebuch, sondern errechnet mit deutscher gruendlichkeit auf zwei nachkommastellen genau sein stundenmittel fuer einzelne teilstrecken der etappen. anerkennend nimmt er zur kenntnis, dass ich zwischen 5 und 6 km/h unterwegs bin. faszinierend! offenbar interessieren ihn selbstreflexionen nicht die bohne! und er macht keinen hehl daraus. "...i wish i was like you. easily amused..." sang kurt cobain mal dazu. wahrscheinlich lebt es sich unbeschwert wirklich viel besser.

ich starte heute morgen um 6:15 uhr (!). es ist noch dunkel und trocken. da zwischen carrion de los condes und calzadilla de la cueza nichts als 17 km freies feld existiert, habe ich nur die wahl zwischen 20 und 37 km. ich entschliesse mich zu den 37km und laufe wieder meine 6 km/h.

nach einer halben stunde geht der erste schauer los. ein netter spanier hilft mir beim ueberstreifen des poncho.

ich habe heute nicht so viel tiefgang wie gestern. der schalk sitzt mir im nacken und ich werde vom regen abgelenkt. ich halte mich mit theatralischen ponchoausdruckstanz, unflaetigen liedchen, bloeden selbstgespraechen und erfundenen pilgerwitzen bei laune. die drei wichtigsten saecke des maennlichen pilgers: rucksack, schlafsack, hodensack. ein brueller! anfangs habe ich wegen dem fehlenden tiefgang noch ein schlechtes gewissen, merke aber, dass humor immer eine wichtige rolle in meinem leben gespielt hat. ich lache gerne und mag es dabei gerne auch deftig und unterhalb der guertellinie. ichbin oft ironisch und zynisch, mache scherze auf die kosten anderer, kann aber auch sehr gut ueber mich selbst lachen. wurde schon oft fuer meinen einfallsreichtum beim spruecheklopfen bewundert, kam oft aber auch voellig im falschen hals an, weil man mich nicht einschaetzen kann. ich freue mich ueber die bestaetigung fuer meine vorstellungen als klassenclown. ich nehme mir vor, meinen zynismus etwas zu daempfen und bei meinem humor etwas herzlicher zu werden. hups, jetzt bin ich ja doch wieder ernst! ansichten eines clowns...

hinter carrion de los condes beginnt die alte "via aquitana", eine mit dem lineal gezogene roemerstrasse durch unglaublich langweilige landschaft. hier muss ich auch meinen poncho wieder ueberstreifen. es regnet immer heftiger. auf halber strecke legt dann auch noch ein gewitter los. flaches land bietet zwar fuer blitz und donner eine ausgezeichnete akustik, kann aber auch ganz schoen gefaehrlich sein. das gewitter kommt naeher und mir geht die muffe. es nuetzt nichts. ich muss da jetzt durch. ich kann nur hoffen, dass nix passiert. die letzten km ziehen sich endlos. ich bin vom regen, dem steinigen, mit pfuetzen uebersaeten weg, dem wind und der faden landschaft richtig angepisst. endlich erereiche ich die albergue.



zahlreiche nass-klamme pilger sind schon da und ie heizung laeuft auf voller pulle. es riecht zwischen raubtierkaefig und tropenhaus. nasse pilger riechen wie nasser hund. lektion: es kann nicht nur immer sonnentage geben. nach dem regen kommt aber auch wieder sonne...

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Samstag, 19. Mai 2007
fromista
fand gestern beim abendessen keinen so rechten anschluss. hatte die wahl zwischen einem tisch singender franzosen (je ne comprends rien!) und der deutschen fraktion. dort wetteiferten drei unsympathische herren (ende 40, kategorie belehrende, besserwissende noergeldeutsche) um den titel "asshole of the evening". hab meinen kram gepackt, bin auf die daecher der stadt, hab gegessen und ueber das alleinsein meditiert.

anselm gruen warnt davor, das "alleinsein" mit dem "allein gelassen werden" zu verwechseln. ohne alleinsein gibt es keine ehrliche selbsterfahrung. wer den mut aufbringt wird mit seiner eigenen nacktheit konfrontiert und erlebt so eine fruchtbare einsamkeit. von dostojewski soll das wort stammen: "zeitweilige einsamkeit ist fuer einen normalen menschen wichtiger als das essen und trinken." das motiv des alleinseins ist heute mein staendiger begleiter. nach und nach kann ich das alleinsein mehr und mehr geniessen und fuehle mich nicht gleich wie ein ausgestossener. ich glaube sogar, dass es in diesem abschnitt des weges ganz besonders wichtig ist. allein. ohne das feedback der anderen. nur ich. purer als hier wird man einsamkeit wohl selten erleben.

ich laufe heute morgen gegen 6:30 uhr los. es ist noch halbdunkel und bedrohliche wolken werden durch einen heftigen wind an mir vorbeigetrieben. mir stecken die 40 km von gestern noch maechtig in den knochen. ich entschliesse mich heute zu einer kuerzeren etappe. das 25 km entfernte fromista wird mein ziel sein.

die strecke heute laesst sich in drei abschnitte teilen:
1.) zum warmlaufen die besteigung des 911m hohen tafelberges "alto mostelares"
2.) meditatives wandern zur mir selbst durch menschenleere weiten aus korn, blumen und wiesen
3.) lustwandeln entlang des alten "canal de castilla".

gleich zu beginn sind ca. 120 hoehenmeter zu ueberwinden, um so mit einem grandiosen blick auf das noch schlafende umland von castrojeriz belohnt zu werden. gleich nach dem abstieg beginnt auch gleich wieder die typische landschaft der tierra de campos. nach kurzer zeit bin ich in meiner meditiativen lauf-trance angelangt. ich gefalle mir in meiner rolle als reisender, der jeden Tag aufs neue ins ungewisse aufbricht. ich geniesse diese erfahrung, die so ganz anders ist, wie mein sonstiges leben zu hause. prompt fallen mir zeilen von bob dylan dazu ein:

...how does it feel?
how does it feel?
to be on your own
to be without a home
like a complete unknown
like a rolling stone...


das reisen kam in meinem bisherigen leben eindeutig zu kurz. es gibt einiges nachzuholen.

im folgendem finde ich einige ganz treffliche adjektive und eigenschaften in meinem grossen "wer-bin-ich?"-quiz und ergaenze meine "100 dinge, die ich vor meinem tod mindestens einmal getan haben sollte"-liste. ich laufe durch das spanische niemandsland, weit und breit ist kein mensch zu sehen, der wind peitscht mir durchs haar und ich singe aus voller kehle...

"...i want to run, i want to hide
i want to tear down the walls that hold me inside
i want to reach out and touch the flame
where the streets have no name..."


freiheit!
ich lebe gerade ungeheuer intensiv!
ich bin voll und ganz bei mir und ich kann mich gut leiden.
ich bin gar nicht so verkehrt...

nach gut 3 stunden komme ich in das 175-seelen-dorf "boadilla del camino". die doerfer der tierra de campos haben schon mal wesentlich bessere zeiten gesehen und sind unglaublich alt und zerfallen. sie muten teilweise wie bewohnte geisterstaedte an. unglaublich welche ruinen tatsaechlich noch bewohnt sind. alles wirkt irgendwie trostlos, resignierend und aufgegeben. die menschen, die mir begegnen, sind trotzdem alle sehr herzlich und gruessen mich ueberschwenglich. es gibt tatsaechlich auch eine dorfjugend. ich mache mir gedanken ueber gleiche startvoraussetzungen und chancengleichheit. ich bin froh, dass ich woanders hineingeboren wurde.

gleich nach boadilla beginnt der alte "canal de castilla", der frueher dem transport der ernte diente. heute werden nur noch die riesigen felder damit bewaessert. die landschaft ist nach wie vor eine schoenheit und voller reiner poesie. ich lustwandere zwischen vom wind aufgeschaeumten weizenmeeren und wiesen aus rotem klatschmohn. obwohl ich heute schon wesentlich langsamer als gestern gehe, drossele ich mein tempo nochmal und geniesse ausgiebig.



zur rueckenentlastung und als krafttraining habe ich mir mittlerweile ein kleines backpack-workout-programm erarbeitet. beim laufen kann ich durch das gezielte ziehen von rucksackriemen einzelne muskelpartien weiter ausdefinieren und so meinen koerper weiter staehlen. eine art mobiles fitnessstudio. die anderen pilger gucken zwar immer bloed... aber was schert das schon den "pilgerator"? hasta la vista, baby!

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Freitag, 18. Mai 2007
castrojeriz
aah! die pause tat gut und war ueberfaellig! das hotelzimmer waere im normalen leben unterer durchschnitt. hier ist es eine suite. platz, um sich mit seinen sachen mal so richtig auszubreiten...ohne stoergeraeusche schlafen...einen raum fuer sich alleine haben. privatssphaere ist echter luxus.

hab gestern nicht mehr viel angeschaut, sondern nur noch gefaulenzt. die schoenen gruenanlagen wollten mich nicht mehr gehenlassen. hab mir noch eine fertigtortilla, zwei riesentomaten (die sind hier unvergleichlich lecker!!) und etwas brot mitgenommen. nach dem ausgiebigen telefonat mit zu hause und dem abendessen bin ich um ca. 21:30 uhr vor dem spanisch brabbelnden fernseher eingeschlafen.

heute morgen stehe ich um 7:00 uhr auf und dusche. dabei sehe ich den ganzen kerl seit mehr als einer woche mal wieder im spiegel. wow! knackebraun im gesicht und den armen und beinen. der oberkoerper und die arme vom 15 kg rucksack gestaelt. selbst meine wampe ist schon etwas geschrumpft. ich nehme mir vor, die fettigen tortillas, quesos und beim bier etwas langsamer zu tun. brad pitt muss sich warm anziehen...

ich laufe das erste mal geduscht los. ich bin wahrscheinlich der wohlriechensde pilger heute morgen. ich bin bestens ausgeruht und nehme auch gleich mein kampftempo auf. scharenweise ueberhole ich die frueher gestarteten pilger. auch einige bekannte gesichter sind dabei. ich bin offensichtlich an der spitze des verfolgerfeldes zurueckgefallen. c. ist gestern 30 km gelaufen. ich nehme mir heute 40 km vor.

die landschaft ist zunaechst noch nicht so monoton wie im fuehrer beschrieben. ein aquarellgemaelde aus blau-weissem himmel, gruenen kornfeldern, rotem klatschmohn und braun-grauen steinen. die zahlreichen stoerche wirken wie flugsaurier. auf beinahe jedem kirchturm sind drei bis vier nester.

nach knapp zwei stunden laufe ich auf zwei 60+-franken auf. sie haben mich an meinem "deutschen schritt" erkannt. ein nuernberger und ein bamberger treffen einen erlanger mitten im niemandsland der provinz castilla z leon. unser gespraech hat keinen intellektuellen tiefgang, ich bin aber trotzdem froh, mal wieder richtig breit fraenkeln zu koennen. da die beiden auch einen verschaerften walking-schritt an den tag legen, gehe ich ca. 30 min. mit ihnen.

ich habe mittlerweile die "tierra de campos" erreicht.



das sind unendliche weiten aus korn; so flach wie ein deich. weit und breit keine menschen; nicht mal pilger. dies soll auch die naechsten zwei bis drei etappen so weitergehen. viele pilger fahren deswegen von burgos bis leon mit dem bus. wer sich aber darauf einlaesst, soll laut meinem fuehrer eine unvergleichliche erfahrung erleben. und tatsaechlich: der horizont kommt kein stueck naeher und ich laufe mich in einen trance-artigen zustand. nach 30km in 5 stunden mache in hontanas kurz mittagspause. das wiederanlaufen ist zunaechst eine qual, spielt sich aber wieder ein.

der weg ist hart. die mittagshitze hat mich voll am sack und mir geht das wasser aus. es ist noch ueber eine stunde nach castrojeriz. ich fuehle mich wie das klischee eines in der wueste nach wasser rufenden. heute ist es auch noch besonders warm. ich schwitze wie ein schwein. mir tropft der schweiss von der stirn. ich esse zwei orangen gegen den durst.

endlich erreiche ich castrojeriz. von weiten ein nett anzusehender ort mit burgruine auf dem hausberg.



endlich wasser! ich fuelle meine flasche und saufe 1,5 l auf ex. der ort zieht sich unerfreulich in die laenge. die erste haelfte des ortes ist eine zerfallene geisterstadt. nach mehrmaligen verlaufen erreiche ich endlich die herberge. ich werde herzlich von drei jungen hospitaleros mit raeucherstaebchen und sphaerischer musik empfangen. nach dem duschen lege ich mich hin und schlafe prompt eine stunde vor erschoepfung ein.

erkenntnis des tages: ich bin eine harte sau!

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Donnerstag, 17. Mai 2007
burgos II


habe heute morgen noch ausgiebig mit c. gefruehstueckt. wir veranschiedeten uns herzlich wie alte freunde. er schickt mir jetzt jeden abend eine sms mit seinem aufenthaltsort. so kann ich evtl. wieder zu ihm aufschliessen. das wuerde mich auch freuen. es ist schon sehr merkwuerdig: ich fuehle mich so, als lasse ich ihn sitzen. dabei kenne ich ihn gerade mal seit pamplona. unsere intensiven zweiergespraeche haben uns schnell zusammengeschweisst. die uhr tickt eben anders auf dem camino...

habe mir gleich nach dem fruehstueck ein drei-sterne-hotelzimmer fuer 35 € genommen, meinen stadtrucksack gepackt und bin losgezogen. es fuehlt sich schon komisch an, ploetzlich zeit haben. nicht laufen muessen. einfach nur gucken, bummeln, treiben lassen...das war auch noetig. ich habe jetzt 300 von 800 km hinter mir und es stellte sich schon eine arge routine ein. laufen-duschen-waschen-labern-saufen-schlafen...obwohl ich mit allen anderen gerne zusammen war, war es hoechste zeit, hiervon auszubrechen. etwas zeit fuer mich, etwas anderes tun, neue leute kennen lernen.

es ist quasi eine entschleunigung von der entschleunigung. ich muss dringend ueber mein tempo nachdenken. kann ich nur schnell? wie kann ich noch gelassener werden?

castillo, kathedrale, innenstadt habe ich bereits hinter mir. die kathedrale von burgos ist riesig, ueberragt die ganze stadt und ist wirklich beeindruckend. zu stein, gold, silber und holz gewordener glauben. moechte nicht wissen, wieviel suedamerikanisches blut daran klebt...

gehe jetzt an das begruente ufer des rio "arlanzon" und werde in der sonne etwas chillen. das muss auch mal sein...

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Mittwoch, 16. Mai 2007
burgos


kurz noch im telegrammstil die ereignisse von heute, da ich todmuede bin und schon wie zwei lange beitrage nachgetragen habe...

f. killt heute morgen beinahe zwei belgier.

die montes de oca sehen aus wie meine mischung aus lueneburger heide und brucker lache.

wir sind heute 45 km (!!!) gelaufen.

bin so platt wie bisher noch nicht - kann kaum noch laufen

wir mussten ca. 4 km direkt an der autobahn laufen.

die herberge ist eine zumutung.

brauche das erste mal flip flops beim duschen.

werde morgen einen tag pause in burgos machen, da es viel zu sehen gibt.

der weg von c. und mir wird sich morgen erstmal trennen.

wir haben adressen und handynummern getauscht und bleiben ueber sms in kontakt.

freue mich auf den pausentag.

merke, dass mein heimweh groesser wird

daher...

"...whenever i`m alone with you -
you make me feel like i am home again
whenever i`m alone with you -
you make me feel like i am whole again...
however far away - i will always love you
however long i stay - i will always love you
i will always love you..."
(the cure - lovesong, 1988)


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villafranca (15.05.07)
habe gestern die bisher intensivste pilgererfahrung erlebt. in der pilgermesse wurden wir pilger von einem fuer katholische verhaeltnisse aussergewoehnlich herzlichen priester fuer unseren weiteren weg gesegnet. er gab uns einige schoene worte mit und nochmal betont, dass wir uns mit jedem schritt des weges veraendern werden. beim ankommen werden wir nicht mehr diesselben sein. das ist zwar keine neue erkenntnis, hat mich aber in diesem feierlichen rahmen sehr beruehrt. er bat uns, durchzuhalten, damit wir so stellvertretend fuer all diejenigen, die - aus welchen gruenden auch immer - nicht aus eigener kraft nach santiago kommen, in santiago beten koennen. der aus den dorffrauen bestehende kirchenchor sang uns noch ein aufmunterndes, ganz und gar nicht sakral klingendes lied, dass mir mitten ins herz ging. es klingt total bescheuert: es war in diesem moment so, als wurde mir eine mission uebertragen, die ich auf jeden fall erfuellen muss.

die vielen anerkennenden schulterklopfer und "buen camino"s, die wir im laufe unseres bisherigen weges von den strengglaeubigen einheimischen bekommen haben, geben kraft. sie strahlen, wenn sie horen, dass man wirklich bis ganz nach santiago pilgert. man wird als pilger teilweise richtig hofiert. sie anerkennen und schaetzen unsere muehen sehr. als wir gesegnet wurden, hatte ich alle diese strahlenden gesichter vor meinen augen. es ist jetzt so, als wuerde ich diesen weg nun auch fuer sie zu ende gehen...doch dies war nur die overtuere zu dem eigentlichen highlight des tages.

der charismatische hospitalero hatte uns zwichenzeitich das abendessen gerichtet. in einem raum, der nicht groesser als ein wohnzimmer ist, hat er auf wundersame art und weise platz fuer 50 pilger geschaffen. in einer unvergleichlichen atmosphaere essen wir zu abend. fuer mich hat er extra einen lecker linseneintopf gekocht. die stimmung ist grossartig und entsprechend laut wird in vielen sprachen gelacht. ich sass zwischen lauter italienern und habe nur bahnhof verstanden. in diesem moment fuehlte ich mich ganz stark etwas sehr positivem ganzen zugehoerig. kaum hatten wir das essen beendet, wollten alle dem hospitalero etwas von seiner herzlichkeit zurueckgeben. selbstverstaendlich packten alle mit an. das chaos, das 50 abendessende pilger hinterlassen (inkl. dem abwasch) war in weniger als 15 minuten beseitigt. jeder half aus einer tiefen dankbar- und zufriedenheit heraus. alle zogen am gleichen strang. man konnte die positive energie fast physikalisch wahrnehmen. es war...magisch und laesst sich gar nicht richtig in worte fassen. ich war so geruehrt, dass ich mit glaesrigen augen vor die tuer musste, um etwas luft zu schnappen. dort war das sproede dorf gerade in das warme letzte licht des tages getauscht. ich erlebte einen wunderschoenen sonnenuntergang und habe einge tolle bilder geschossen. an diesem tag wollte mir wohl jemand eine lektion in waerme und herzlichkeit geben. erst spater las ich im fuehrer, dass der letzte pfarrer dieses kleinen dorfes eine ganz wichtige rolle bei der wiederbelebung des jakobskultes hatte. darum werden pilger hier besonders gut behandelt.

heute morgen ist es mir wichtig, dass ich dem hospiatlero bei der verabschiedung meine bewunderung und dankbarkeit zum ausdruck bringe. "you are the reason for my pleasant stay. you are such an heartful man. many thanks for everything". er strahlt ueber das ganze gesicht und packt mich freundschaftlich am arm. auch die anderen pilger verabschiedet er ueberschwenglich und wirkt dabei auf mich wie ein exzellenter musiker, der sich nach einem tollen konzert an den minutenlangen standing-ovations seines publikums erfreut. ich bin froh, dass ich ihm etwas zurueckgeben konnte. selbstredend fiel meine spende entsprechend hoch aus.

der hospitalero ist fuer mich der lebende beweis dafuer, dass es sich lohnt, uneigennuetzig fuer andere da zu sein. die investierte positive energie bekommt man um ein vielfaches verstaerkt zurueck.

zum heutigen tag gibt es ansonsten nicht viel zu sagen. pilgerbusiness as usual. die gruenen kornfelder wirken auf dauer ganz schoen monoton. mich beeindruckt lediglich eine formation aus 8-10 greifvoegel, die sich mittels thermik bewegungslos in die hoehe schraubt. wir spulen unsere 29 km routiniert herunter. zum schluss fuehrt uns der weg ca. 2 km an einer stark von trucks befahrenen bundesstrasse entlang. es macht wirklich keinen spass, den luftwirbel eines trucks, der mit knapp 100 km/h 1 m an deinem fuss vorbeifaehrt, ausgesetzt zu sein.



wir landen im potthaesslichen trucker-paradies "villafranca". die bar hat wahrscheinlich "from dusk til dawn" geoeffnet und beheimatet vampire. die herberge ist nicht mehr ganz so schlimm wie bei hape beschrieben, hat aber weder charme noch luxus. was solls? auch diese nacht wird vorrueber gehen...

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granon (14.05.07)
haben gestern nudeln mit tomaten-mais-sosse gekocht und uns dazu eine flasche rioja gegoennt. leider ist es nicht bei der flasche geblieben. mit f. und k. sind wir noch auf ein bier in die bar. hinterher haben wir dann nochmals eine flasche wein in der albergue nachgelegt. bin um 23:00 uhr ganz schoen breit in mein doppelzimmerbett gefallen und hab prima geschlafen.

heute morgen nehmen wir fuer 2 € ein micro-desayuno in der bar. um kurz nach 7 uhr kommt der erste stosstrupp aus dem 6 km entfernten najera. ruckzuck verbreitet sich die kunde, dass demnaechst 80 bettensuchende einfallen werden. wir lassen uns von der panik nicht verrueckt machen und gehen in unserem tempo los. "hace frio" ruft uns eine zahnluckige dorfalte hinterher. und recht hat sie: es ist heute saukalt. ich laufe die ganze etappe in voller montur (inkl. kopftuch ueber die ohren) und friere trotzdem noch.

bereits nach 3 stunden erreichen wir santo domingo del calzaba. das museum der kathedrale oeffnet gerade und wir gehen gleich rein. natuerlich gucken wir uns auch den wundergockel an. just in dem moment, in dem wir vor ihn treten, kraet der hahn achtmal. davor und danach schweigt er wieder. selbst als ganze reisegruppen an ihm vorbeige-schleusst werden gibt er keinen piep von sich. er kraete nur bei c. und mir. wenn das mal kein gutes omen ist. die legende sagt ja, dass man dann den weg nach santiago auf jeden fall schafft...wir entschliessen uns noch die 6 km bis zur naechsten albergue weiterzugehen.



granon ist ein kleines 20-haeuser-drof, dass von der landwirtschaft lebt. vor fast jeden haus parkt ein traktor. mann kann sich gut vorstellen, dass hier viele muetter und vaeter bruder und schwester sind. ich lasse mir den weg zur albergue erklaeren. erst denke ich, ich hoere nicht richtig: die pilger uebernachten in der kirche. zurueck- und weiterlaufen scheidet aber aus, da wir schon zu spaet fuer freie betten unterwegs sind..."das kann ja heiter werden", denke ich mir. doch dann werden wir warm und herzlich von einem alternativ und biblisch aussehenden hospitalero mit vollbart und grauer halbglatze empfangen.

er erklaert uns die spielregeln: es gibt keine betten -wir schlafen auf brauen ledermatten auf den fussboden. um 19:00 uhr kann man die pilgermesse besuchen. um 20:00 uhr kann ein gemeinsames abendessen eingenommen werden. um 21:15 uhr trifft man sich dann zum "last prayer of the day". er wird mir sogar extra etwas fleischloses kochen...das ganze kostet nix. er deutet auf die spendenbox. dort steht in mehreren sprachen "lasse hier, was du entbehren kannst; nimm dir was du brauchst". wenn mir mit ihm zufrieden sind, duerfen wir gerne mehr geben meint er schmunzelnd. ich bin sehr beeindruckt. smells like praktizierte naechstenliebe.

der hospitalero erweckt wirklich den eindruck, dass er mit ganzem herzen bei der sache ist. selbstlos traegt der hospitalero den ankommenden pilgerinnen die schlafsaecke zu ihren matten. eine ankommende pilgerin ist in einen platzregen geraten und ist klitschnass. mit einem strahlenden laecheln reicht er ihr ertsmal geistesgegenwaertig eine tasse kaffee. das ist erstmal wichtiger als die formalitaeten. so herzlich wurden wir bisher noch nie empfangen.

die unterkunft steht im krassen gegensatz zu der nagelneuen albergue von gestern. es ist das tradtionsreiche nebengebaeude der dorfkirche. reichlich unverputzter stein und holz dominieren die innenausstattung. es gibt sogar einen kamin, in dem knisterndes holz uns schon erwartet. es ist alt, aber urgemuetlich...da kann man die nicht ganz so tollen sanitaeren und die matten verschmerzen.

die herzlichkeit des hospitaleros uebertraegt sich auf die ankommenden pilger. bald sitzt gemeinsam man plaudernd vor dem kamin. direkt neben unserem schlafraum kommt man in das chorgestuehl der kirche. es ist bereits mit kerzen fuer den letzten prayer des tages geschmueckt.

ich werde bei allen gemeinsamen aktivitaeten gerne mitmachen und verstehe mich als teil eines gesamten...ich freue mich auf das abendessen und bin gespannt...

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Sonntag, 13. Mai 2007
azofra
vorab: allen muttis und grossmuttis erstmal alles liebe zum muttertag!!! ;o)

na also! heute schaut die welt doch schon wieder ganz anders aus. c. und ich haben gestern verinbart, dass wir heute alleine laufen und wir uns in der albergue treffen. hab heute nacht endlich mal wie ein stein 8 stunden am stueck geschlafen. um 6:30 uhr mache ich heute im halbdunkel auf meinen weg. mein fruehstueck besteht aus einem halben beutel studentenfutter, den ich beim laufen einwerfe. das alleinlaufen tut sehr gut. einige andiskutierte themen setzen sich und einige haltungen koennen ueberdacht werden. quintessenz meiner ueberlegungen: du musst langsamer gehen und mehr geniessen! die gestrige gewaltetappe ging ganz schoen an die substanz und hat mich letzendlich dochg nicht weitergebracht. heute ist tag 9 von 49 und ich ueberschreite heute bereits die 200 km grenze. ich muss mir einfach mehr zeit lassen!

habe gestern vor dem einschlafen noch den passenden abschnitt aus meinem hape-hoerbuch gehoert und mich wahnsinnig auf die steinmaennchen gefreut. doch: die steinmaennchenarmada war eine reine enttaeuschung. was ich mir als endloses areal zigtausender steinmaennchen vorgestellt habe, entpuppt sich als seelenloser und fader 25-quadratmeter-steinhaufen...was fuer eine enttaeuschung! da gingen mir gestern die wirklich unzaehligen zwei-aeste-kreuze, die pilger in die maschendrahtzaeune neben der autobahn eingearbeitet haben, wesentlich naeher. meine lektionen: versuche nie die welt durch die augen eines anderen zu sehen. jede erwartung kann herbe enttaeuscht werden, wenn sie ueberzogen ist.

komme heute auch an dem deutschen gedicht vorbei, dass hape so viel kraft gegeben hat. es handelt sich um die zeilen eines pilgers, die auf einen haesslichen betonzaun geschrieben wurden. es erinnert mich an graffitti auf der berliner mauer. ich fotografiere es trotzdem vorschriftsmaessig wie eine sehenswuerdigkeit.

in najera merke ich, dass ich immer noch zu schnell bin. habe eine stunde weniger als im rother wanderfuehrer veranschlagt gebraucht. kurz nach najera lese ich einen unverstaendlich nuschelnden spanier auf, der offenbar froh ist einen deutschen zu treffen, der sich im spanisch probiert. muss allerdings jeden satz drei bis viermal hinterfragen und verstehe ihn trotzdem noch nicht. aus dieser situation rettet mich dann gottseidank c. er hat mich zwischenzeitlich eingeholt, da ich mich heute zum ersten mal kurzzeitig verlaufen habe.

es kommt heftiger wind auf. das letzte stueck fuehrt ueber ueppige gruene kornfelder, die vom wind malerisch wie ein unruhiges meer aufgewuehlt werden. um 11:30 uhr erreichen wir bereits die nagelneue albergue von azofra. wir sind begeistert, da wir ein doppelzimmer bekommen. heute nacht werden wir endlich mal schnarch- und raschelfrei schlafen. wir beschliessen, kuenftig kleinere etappen zu gehen, um so mehr zeit fuer land, leute und meditation zu haben. prompt finden wir auch noch anschluss bei neuen interessanten leuten...es kommt also immer auch auf die eigene einstellung an.

nach dem einkaufen trinken wir in der bar des ortes einen cafe con leche. dort herrscht die unvergleichliche atmospaehre spanischer lebensfreude. die dorfaeltesten trinken wein neben den aufgetackelten chicas. die hombres gucken formel eins und kommentieren lautstark. die geraeuschkulisse ist ohrenbetaeubend...doch ich bleibe trotzdem nur zu gerne sitzen, beobachte und geniesse...

da wir heute viele zeit haben, gehen wir am nachmittag spazieren. ich kann mich an den bewegten kornfeldern gar nicht satt sehen...

c. erzaehlt mir von taize. er war in den letzten jahren oefters dort und wurde ein richtiger fan. u. a. musste er sich den gottesdienst anschauen, in dem taize-gruender, frere roger, von einer geisteskranken frau erstochen wurde. krass! seine erzaehlungen und meine vorkenntnisse machen taize zunhemend interessant fuer mich.

heute werden wir zum ersten mal in der pilgerkueche kochen. das erste warme essen seit der paella letzten sonntag! morgen werden wir erst um 7:00 uhr aufstehen, in der bar unser desayuno nehmen und es ruhig angehen. unser ziel wird santo domingo del calzaba, die stadt des huehnerwunders, sein.

...what the difference a day make, 24 little hours...

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Samstag, 12. Mai 2007
navarrete
...run to the hills, run for your life!
(iron maiden - run to the hills, 1984)


hab mal wieder scheisse und wenig (3 stunden) geschlafen. in meinem zimmer lag ein extrem schnarchender japaner. zu allem ueberfluss hatte der sich mit reichlich uebel riechenden wurstwaren eingedeckt.

kurz nach dem aufstehen und noch vor dem ersten kaffee nervt mich dann die leidenschaftliche und sehr wortreiche diskussion einer wir-haben-uns-alle-ganz-dolle-lieb franko-kanadierin. sie ist sehr darueber enttaeuscht, dass der weg so kommerzialisiert werde. durch die massen geht sein eigentlicher spirit verloren. wir pilger muessen doch zusammenhalten. doch auch sie geht den weg zum ersten mal. und auch sie hat nicht freiwillig den beiden franzoesischen omas, die ohne isomatte im nassen gras schlafen mussten, ihr bett ueberlassen...ich seh in dein herz, sehe gute pilger. sehe schlechte pilger...

ich gehe heute wieder mit c. wir wollen weiter abstand zum hauptfeld bekommen und planen noch eine lange und schnelle etappe. wir legen unser etappenziel ausserhalb der ziele der wanderfuehrer, um auch so dem hautpfeld auszuweichen. dies ist riskant, da in den nebenorten nur ein begrenztes bettenkontingent zur verfuegung steht. mit sehr sportlichen schritt stellen wir bald auch diejenigen pilger, die schon lange vor uns aufgebrochen sind. bei den anderen haben wir uns schon einen namen als "sprint-pilger" gemacht. wir koketieren damit und haben spass daran, uns in der manier der moderatoren bei der tour de france zu kommentieren. wir bilden dabei das team "san miguel" und sind die ausreisser. spass muss sein...doch wir haben auch ernste themen und reden ueber doppelmoral, tod, verarbeitung von verlusten,...

in bestzeit durchschreiten wir im staendigen auf und ab mal wieder herrliche landschaften und erreichen nach knapp vier stunden die hauptstadt der weinbauprovinz la rioja. logrono und seine urbanizacion ist haesslich und laut. dies aendert sich erst wieder, als wir in die nette atmosphaere einer zona recreativa, die aussieht wie der dechsendorfer weiher vor einer bergkulisse, eintauchen. dort geniessen viele spanier gewohnt lebensfroh bei grillen und baden ihren sonnigen samstag mittag.

wir wandern in sengender hitze durch die berge des bekannten weines. um kurz nach halb zwei erreichen wir unsere heutige albergue. eine traube pilger wartet schon auf einlass. da ich nach 7 stunden gewaltmarsch komplett erschoepft bin und zusaetzlich angst habe, kein bett zu bekommen, stelle ich mich ein wenig "aktiv" an. prompt werde ich von einer alten vertrockneten schabracke zurechtgewiesen. da sie noch ein hasserfuelltes und angewidertes "the germans always has to push" hinterherschiebt, entschuldige ich mich nicht fuer mein fehlverhalten...

c. und ich checken um 13:45 uhr als nummer 34 und 35 von 40 ein. mindestens 10 weitere pilger werden weggeschickt und muessen sich ein hotelzimmer nehmen.

man kann es nicht mehr schoenreden. der bettenkrieg ist ausgebrochen. nur die schnellen gesunden, die vor 14:00 uhr an der albergue sind, bekommen ein bett. das kann nicht sinn der sache sein. ich fuelle mich gehetzt. ich bekomme fluechtig zahlreiche gespraeche mit, in denen hape kerkeling als vermeintlich schuldiger von den selbsternannten richtigen pilgern benannt wird. es waren ja noch niiiiieeee so viele deutsche da...

ich merke, wie meine stimmung kippt. die geloeste offenheit der ersten tage weicht einem genervten verfolgungswahn. prompt macht sich auch erstes heimweh bemerkbar. ich vermisse meine lieben...ich nehme mir fuer die naechsten tage, die bestimmt nicht leicht werden vor, meine dankbarkeit und meine offenheit wieder zu finden und mir mein abenteuer durch diese unguenstigen rahmenbedingungen nicht vermiesen zu lassen...

"...immer vorwaerts schritt fuer schritt
es geht kein weg zurueck
und was jetzt ist,
wird nie mehr ungeschehen,
die zeit laeuft uns davon
was getan ist, ist getan
was jetzt ist wird nie mehr so geschehen..."
(wolfsheim - es gibt kein zurueck, 2003)

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Freitag, 11. Mai 2007
torres del rio
die ersten pilger fangen heute bereits um 5:00 uhr mit dem plastiktuetenkruschen an. ich bin gestern abend mit einigen pilgern bei san miguel und vino tinto versumpft. als ich um viertel vor zehn in meinen schlafsaal komme, bin ich der letzte. das licht ist bereits aus und alle schlafen.

gestern abend war auch wieder k. dabei. er ist ja wirklich sehr nett und hat mir auch schon einige nuetzliche denkanstoesse geben koennen...aber nach wie vor glaube ich, dass er mich fuer seine naechste freundin haelt...

ich verabrede mich daher fuer heute mit c. er ist ein garantiert nicht schwuler soz.paed. mitte 20 aus goettingen, der gerade sein diplom gemacht hat. ab juli wird er dann on the job gehen. c. ist eine lustige mischung aus punkrocker und bibelkreisorganisierer. er geht mein tempo und will sich beim laufen auch auspowern. passt fuer heute also wie arsch auf eimer...wir starten wegen den tuetenraschlern bereits um 6:45 uhr und gehen aeusserst zuegig. c. erinnert mich mit seinem leicht naiven idealismus an mich in diesem alter. auch ich hing in der theorie schon reichlich revolutionaeren idealen nach. fuer deren rigorose umsetzung war ich jedoch stets zu bequem und buergerlich. unsere gespraechsthemen sind mal wieder glauben, spriritualitaet, religion, beziehung zu uebersinnlichen wesen, die schoenheit der schoepfung aber auch frauen, sex, gier, liebe, triebhaftigkeit,...und noch vieles mehr. es ist ein sehr angenehmes gespraech und so merke ich gar nicht, wie die zeit vergeht.

kurz bevor wir unser heutiges ziel erreichen sehen wir die 54-jaehrige kletter-koreanerin am wegesrand sitzen. am vortag war ich sehr froh, dass ich sie nach einer anstrengenden stunde endlich abschuetteln konnte. auch heute schliesst sie sich uns wortlos und ungefragt an. ich weisse sie wenig spaeter darauf hin, dass wir uns gerade mitten in einer "very personal discussion" befinden und sie uns gerade stoert. sie laechelt nur bloed und guckt so erwartungsfroh wie ein dackel bei stoeckchenwurf. erst als ich nochmal vehementer meine einwaende vorbringe schliesst sie sich einem vorbeikommenden pilger an. sie ist laestig wie eine scheisshausfliege...meine lektion: man muss sofort direkt und hoeflich seinen willen artikulieren, um so klare verhaeltnisse zu schaffen. von falscher hoeflichkeit hat niemand etwas...



nach 6,5 stunden und knapp 30 km erreichen wir das bezaubernd schoene kleine doerfchen "torres del rio". es wirkt wie eine filmkulisse aus einem italo-western. hinter der naechsten ecke koennte clint eastwood lauern. wir checken in eine huebsche private albergue ein. als das hautpfeld eine stunde spaeter ankommt, entbrennt ein kampf um die betten. schnell schlaegt die stimmung um und die sehr nette mujer de la casa wird von erschoepften, bettenlosen pilgern beschimpft. komischerweise haben aus unerfindlichen gruenden nur zwei der drei algbergues geoeffnet. schliesslich muessen 20-25 pilger am ueberdachten kirchenvorplatz schlafen. das pilgern entwickelt sich langsam zum wettlauf...der pilgerfunk weiss, dass heute wieder eine unmenge pilger in roncesvalles angekommen ist. wir haben jetzt wohl drei bis vier tagesetappen vorsprung. wir erreichen morgen logrono, die hauptstadt der weinanbaugegend la rioja. dort sollte es keine bettenprobleme geben. nach einer woche 8 - 16 betten-unterkuenfte freue ich mich morgen auf etwas privatssphaere. ich werde mir ein hotelzimmer nehmen.

highlight des tages: die bezaubernde dorf-tienda - ein liebevoll gefuehrter, in ein wohnhaus integrierter tante-emma-laden. neben dem verkaufsraum laeuft der fernseher in der kueche. spanische herzlich- und betriebsamkeit...ich erledige ohne verstaendigungsprobleme meinen kleinen einkauf. da uns die atmosphaere gefaellt, goennen wir uns vor ort mehrere eisgekuehlte san miguel...

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