Donnerstag, 14. Juni 2007
finisterre III (12.06.07)
ein weiterer faulenzer-nachdenkertag...

nach dem gemeinsamen fruehsteuck gehen nicole und ich getrennte wege. wir verabreden uns aber immer wieder fuer cafe- und essenspausen. jeder bracuht am ende des caminos zeit fuer sich.

ich gehe lange am strand spazieren und hoere musik. ich hole mir die letzten fuenf wochen vor mein inneres auge. in meinem kopf geht es drunter und drueber. eine achterbahnfahrt der emotionen. im einen moment bin ich geruehrt oder traurig und moechte am liebsten losheulen. im naechsten moment erfuellt mich eine tiefe und warme zufriedenheit. oder ich koennte mich einfach nur schlapp lachen. mit den fuessen im wasser starre ich immer wieder laengere zeit leer auf das meer. auch wenn alles wild durcheinander geht. irgendwie macht heute alles doch mehr sinn als noch gestern oder vor wenigen tagen. ich bin froh den camino gemacht zu haben. ich hab wichtige lektionen gelernt...

ich denke uber schicksal, zufall, fuegung und bestimmung nach. waere ich mit meinem fuss in burgos nicht gegen den ast gerannt, waere alles ganz anders gekommen. ich haette keine zwangspause in sahagun einlegen muessen und waere weit vor meiner lieb gewonnenen vierer-gruppe in santiago angekommen. der weg und die ankunft waeren komplett anders gewesen. wer weiss, was passiert waere, wenn ich mich nicht verletzt haette. besser? schlechter? keine ahnung! wie oft bekommen wir von solchen scheinbaren zufaellen entscheidende richtungen fuer unser leben mit. bei "lola rennt" kann man sich als zuschauer fuer einen von drei-vier moeglichen ausgaengen entscheiden. im leben gibt es immer nur einen als reaktion auf den zufall oder das schicksal...wer sitzt da im hintergrund und schreibt unsere drehbuecher? auf diese frage habe ich leider keine antwort bekommen. aber da muss was sein...

der sehr nette wirt einer leicht heruntergekommenen fruehstuecksbar am hafen beeindruckt uns mit seinen deutschkenntnissen. er ist hier in finisterre geboren und hat dann lange jahre in deutschland am fliessband bearbeitet. im anschluss daran ist er fuenf jahre zur see gefahren und hat dabei nahezu die ganz welt gesehen. wie aus einem maschinengewehr kommen die angelaufenen haefen in chronologischer reihenfolge. die nummer hat er drauf und hat sie wohl auch schon oefters gebracht. er ist sichtlich stolz darauf. etwa zehn min. 10. min von seinem gebursthaus betreibt er jetzt die bar. zu hause ist es eben doch am schoensten? gelangt man zu dieser einsicht unweigerlich dann, wenn man laengere zeit im unterwegs war? suchen wir das, was wir schon laengst haben? aber sehen wir dabei den wald vor lauter baeumen nicht?

am abend gehen ich mit nicole noch in die schoenste bar von finisterre. wir haetten sie beinahe uebershen, da sie in einer seitenstrasse liegt. vom charme her irgendwo zwischen literatencafe und kuenstler- und spontikneipe. es gibt eine riesengrosse panoramafensterfront mit idyllischem blick auf den hafen. ueberall haengen fotos und mitbringsel von pilgern aus aller welt. ich fuehle mich hier erstmals mit allen pilgern seltsam verbunden. auf einem zettel ueber der bar steht "viva fidel castro". plakate von che guevara haengen an der wand. in den angemalten ikea-buecherreglaen finden sich allerhand buch-kuriositaeten (z. B. eine spansiche ausgabe des korans). es ist toll hier zu sitzen und der netten jazz und bossanova-musik bei einer jarra "estrella galicia" zu lauschen. der wirt ist sichtlich in seinem element. immer wieder pfeift er vergnuegt mit und macht faxen mit den gaesten. er hat es geschafft. er ist gluecklich mit dem was er tut...

nicole und ich fuehren ein sehr intensives gespraech ueber lebensplanung, wege und weichenstellungen. ich trinke mal wieder viel zu viel. der wirt laesst die bar extra fuer uns bis nach 23:00 uhr geoeffnet...

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