Donnerstag, 7. Juni 2007
santiago de compostela
wir stehen heute ausnahmsweise als allererste auf. wir wollen unbedingt zur mittagsmesse in santiago ankommen. als wir um 6:30 uhr abmarschieren ist es noch dunkel. wir laufen mit taschenlampe durch den wald. es ist schaurig schoen in einer gruppe durch den stockdunklen wald zu laufen. als es hell wird, laufen wir mal wieder jeder fuer sich, um uns auf die ankunft in santiago vorzubereiten. sie bedeutet fuer jeden wohl etwas anderes. normalerweise soll man am monte de gozo freudenseufzer ausstossen, weil man dort die kathedrale zum ersten mal aus der ferne sieht. bei uns liegt alles im dichten nebel. dies passt auch zu meinen recht nebuloesen gedanken zur ankunft. soll ich mich freuen? soll ich angst haben, dass es jetzt vorbei ist?

bei hape hiess es: "jeder bekommt die ankunft, die er verdient". unser erster eindruck von santiago ist eine demo aus wuetenden feuerwehrmaennern (bombeiros), die fuer bessere beschaeftigungs-konditionen schon mal ein paar dummies in bombeiro-uniformen direkt nach dem santiago-ortsschild anzuenden. das fernsehen ist auch da. die polizei geht mit rauchbomben dazwischen. wir sind mittendrin statt nur dabei. ratlose pilger, die zur falschen zeit am falschen ort sind. wir schauen, dass wir aus diesem aggressiven klima so schnell wie moeglich herauskommen. beim blick zurueck meinen wir aif ein kriegsgebiet zu schauen. womit haben wir denn das verdient?

als wir uns dem centro historico von santiago naehern, durchzuckt es mich, als ich den ersten wegweiser auf die kathedrale wahrnehme. mein herz schlaegt schneller. ich muss rennen. ich muss jetzt endlich ankommen. den anderen geht es aehnlich.

und dann: ich komme an. endlich?! ich schnalle meinen rucksack ab und bleibe erstmal 10 minuten reglos und ehrfuerchtig vor die kathedrale sitzen. wir sind jetzt tatsaechlich angekommen...wir treffen auf riana und annerie. die freude ist riesengross.

in der pilgermesse habe ich traenen in den augen, da eine nonne wunderschoen zu orgelmusik singt. ich werde als einer von 11 deutschen pilgern vorgelesen, der heute in santiago angekommen und, die von st. jean aus losgelaufen ist. ich bin eigenartig stolz auf mich und meine leistung.

ich sterbe den pilgertod. mein ziel ist erreicht. per offiziellen compostela-verwaltungsakt bin ich nun kein pilger mehr...

tim und nicole haben heute geburtstag. nicole bekommt von uns analog hape vier gloeckchen. cristina, tim, nicole und ich bekommen jeweils ein exemplar. die anderen werden es hoeren, wann immer einer bimmelt. nicole ist sehr geruehrt...

am nachmittag treffen wir hier auf fast alle, denen wir auf den weg begegnet sind. selbst rentner-r. habe ich in der messe gesehen. leider verliere ich ihn hinterher aus den augen. zum abschluss haette ich gerne nochmal mit ihm gesprochen. cristina ist ausser sich und meint "es ist einfach nur magisch". recht hat sie. wir alle grinsen wie die honigkuchenpferde und sind unglaublich gluecklich. unsere gruppe ist mittlerweile auf weit ueber 20 leute angewachsen. wir trinken wein aus plastikbechern und liegen auf dem platz vor der kathedrale in der sonne auf den warmen steinen. im hintergrund spielt ein dudelsack die melodie von "the severed garden" von den doors. es ist unbeschreiblich...einer der augenblicke, die man fuer immer festhalten muss...



wir sitzen vor einer coolen kneipe. mit grossem touhouwabou (schreibt man das so?) kommt eine anti-g8-demo vorbei. direkt neben unseren koepfen spruehen vermummte demonstranten ihre parolen an die haeuserwand. nochmals mitendrin statt nur dabei...spaeter tanzen wir schon reichlich angetrunken zu beastie boys...

wir werden sehr von einem gehbehinderten strassenmusiker beruehrt, der uns vor der kathedrale ein wunderschoene lieder zu gitarrenbegleitung singt. als er von uns spontanen beifall (und reichlich euros) bekommt, ist er sichtlich geruehrt. es passt perfekt zur bittersuessen stimmung. schade, dass er keine cds hatte. eine schulklasse ist wohl ueber nacht zur exkursion hier. aufgekratzt toben sie auf dem kathedralen-vorplatz herum und machen erste erfahrungen mit alkohol und fummeln. dann holt uns der erste abschied des weges wieder wtas herunter. wir verabschieden uns von unseren lecker-ladies. sie geben uns mit traenen in den augen muetterliche umarmungen. es faellt uns allen sehr schwer. wir ahnen, dass uns in den naechsten tagen noch schwere abschiede bevor stehen...

wir bleiben auf den warmen steinen des kathedralen-vorplatz liegen. es werden immer weniger leute. zum schluss sind wir vier fast ganz alleine. es ist eine lange nacht. gegen 5:00 uhr fall ich (wahrscheinlich laechelnd) in mein bett...

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ein dickes "danke" an all diejenigen, die an mich geglaubt und mich unterstuetzt haben. ich habe euch alle in meinem herzen in die kathedrale getragen und heute an euch gedacht...

ein ganz besonders herzliches "danke" an andrea, die so lange auf mich verzichtet/verzichten muss...ich liebe dich!

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